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Bericht: Kollektives Schwarzfahren

Am 27. Februar 2010 protestierten in Freiburg etwa 60 Menschen aus dem Umfeld des „Runden Tisches“, dem „linksradikalen Bündnis Kontrollverlust“ und anderen sozialen Gruppen mit einer Schwarzfahr-Aktion für ein Sozialticket und für die Überwindung des Kapitalismus.

Auf einer kleinen Kundgebung am Bertoldsbrunnen wurde auf die Notwendigkeit eines kostenlosen Nahverkehrs für alle und die Probleme von Hartz IV-Abhängingen Menschen hingewiesen. Unter anderem sprach hier auch Ulrich von Kirchbach (SPD), Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl, was der Kundgebung einen Wahlkampfsflair verlieh. Am Rande des Bertoldsbrunnens waren Polizeieinheiten und VAG-Kontrolleure anwesend, welche sich jedoch zurückhielten.

Gegen 12:30 Uhr machten sich die AktivistInnen in kleinen Gruppen schwarzfahrend auf den Weg, machten mit Flugblättern in den Straßenbahnen auf die Aktion aufmerksam, um sich gegen 15:30 Uhr wieder am Bertoldsbrunnen zu einer Abschlusskundgebung zu treffen. Den ganzen Nachmittag über war der „Runde Tisch Freiburg“ mit Bollerwagen und Infotisch am Bertoldsbrunnen vertreten.

Diese Aktion brachte die Forderung nach einem Sozialticket wieder in den gesellschaftlichen Diskurs, auch wenn sie von Oberbürgermeister-Kandidaten für den Wahlkampf missbraucht wurde.

Linksradikales Bündnis Kontrollverlust im Februar 2010

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Alles für Alle. Kapitalismus überwinden!

Für Samstag, den 27. Februar 2010, rufen wir* zusammen mit anderen sozialen Gruppen zum kollektiven Schwarzfahren in Freiburg auf. Die Idee dazu kam im Zusammenhang mit der Forderung nach einem Sozialticket für finanziell benachteiligte Menschen auf. Wir unterstützen dieses Vorhaben, möchten jedoch in diesem Rahmen eine weiterführende Kritik an den bestehenden Verhältnissen üben.

Wir finden die teuren Ticketpreise des RVF ebenfalls unverschämt, jedoch darf unsere Kritik hier nicht aufhören. Ein Sozialticket für beispielsweise 14 € im Monat klingt anfangs zwar schön und gut, jedoch würde dies keine grundlegenden Probleme, welche der Kapitalismus tagtäglich produziert, aus der Welt schaffen. Der öffentliche Personennahverkehr muss immer auch im Zusammenhang mit der kapitalistischen Verwertungslogik kritisiert werden, welche heute jeden Teilbereich unseres Lebens maßgeblich beeinflusst. Denn natürlich ist eine Fahrt in der Straßenbahn auch „nur“ eine Ware, da sie nützlich ist und einen bestimmten Zweck erfüllt, bzw. Bedürfnisse befriedigt (Weg zur Lohnarbeit, zum Einkaufen, zum Sonntagsausflug, etc.).

Uns reicht es nicht aus, für einen besseren Hartz IV-Regelsatz, bessere Arbeitsbedingungen oder billigeren Wohnraum – also für ein „schönes Leben im falschen Ganzen“ – zu kämpfen. Wenn wir ein selbstbestimmtes Leben frei von jeglicher Herrschaft erreichen wollen, müssen wir weitergehen und die bestehenden Verhältnisse als Problem erkennen und bekämpfen. Der Kampf gegen Symptome macht keinen Sinn, wenn damit nicht gleichzeitig das kapitalistische System, welches diese erst erzeugt, überwunden wird.

Eine Grundlage des Kapitalismus ist zum Beispiel die Tatsache, dass es Privateigentum gibt. Dabei geht es jedoch nicht um die persönliche Zahnbürste oder einen Kühlschrank, sondern um die Produktionsmittel (also alles, was zur Produktion von Waren benötigt wird). Privateigentum zu besitzen, heißt, andere Menschen von der Verfügung über sie auszuschließen. Von der Verfügung über die Produktionsmittel ausgeschlossen zu sein, heißt aber, dass einem die Mittel zur Existenzsicherung verwehrt werden.

Wenn wir an diesen Verhältnissen etwas ändern wollen, müssen wir den Weg in ein schönes Leben – ohne Ausbeutung, Herrschaft und Kapitalismus – selbst beschreiten. Es ist paradox, ein solches Leben von Staaten zu fordern, die Privateigentum durch das Gewaltmonopol sichern, verteidigen und ohne Hierarchien und die Ausübung von Macht nicht existieren könnten. Außerdem sind die Handlungsweisen des Staates auch nur von der momentanen ökonomischen Lage abhängig, denn in der jetzigen Situation stellt ein Staat auch „nur“ ein riesiges Unternehmen dar.

Ein Staat wird niemals in der Lage sein, ein schönes Leben für alle zu gewährleisten. Dazu müssen wir uns selbst organisieren und unsere Handlungsmöglichkeiten innerhalb des Systems, welche natürlich auch nicht komplett ohne Widersprüche auskommen, wahrnehmen. Kollektive Aneignungen – wie gemeinsames Schwarzfahren – sind ein erster Schritt in die richtige Richtung, denn sie ermöglichen es uns zu nehmen was allen gehören sollte.

Kollektives Schwarzfahren | 27. Februar 2010 | 12 Uhr | Bertoldsbrunnen

Alles für Alle. Kapitalismus überwinden!

Linksradikales Bündnis Kontrollverlust im Februar 2010

* Das linksradikale Bündnis Kontrollverlust hat sich im Frühsommer 2009 gegründet und mit anderen linksradikalen Gruppen zu einer antikapitalistischen Demonstration am 11. Juli mobilisiert. Gleichzeitig zum G8-Gipfel in Italien demonstrierten rund 700 Menschen unter dem Motto „Kapitalismus überwinden, die falsche Freiheit auf der Strecke lassen!“ unangemeldet durch die Freiburger Innenstadt.

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